La perdita del mondo e delle cose


Reperito su internet

A Helmut Becker, 19 November 1992.

 

Früher, da verliess man die Welt beim Sterben. Bis dahin stand man in ihr. Wir gehören beide zur Generation derer, die noch „auf die Welt“ gekommen sind, und die jetzt doch bedroht sind, bodenlos zu sterben. Wir – ungleich anderen Generationen – haben den Bruch mit der Welt erlebt.

Der Aussteiger machte sich auf die Pilgerschaft nach Santiago; bat um stabilitas an der Klosterpforte; schloss sich den Aussätzigen an. In der russischen und griechischen Welt gab’s auch noch die Möglichkeit, nicht Mönch, sondern Narr zu werden, un den Rest des Lebens unter Hunden und Bettlern im Atrium der Kirche zu schmarotzen. Aber selbst diesen extremen Weltflüchtlingen blieb die „Welt“ der sinnliche Rahmen ihres vorläufigen Da-seins. Die „Welt“ blieb Versuchung, gerade für den, der ihr entsagen wollte. Die Meisten, die vorgaben die Welt verlassen zu haben, ertappten sich nur zu bald beim Mogeln. Die Geschichte der christlichen Askese ist die des heroischen Versuches der Ehrlichkeit beim Verzicht auf eine „Welt“, an der jede Faser hängen bleibt. Mein Onkel Alberto noch liess sich den VinSanto aus dem eigenen Geburtsjahr zum Sterben servieren.

Heute ist das anders. Die zweitausendjährige Epoche des christlichen Europa ist vorbei. Jene Welt, in die unsere Generation noch geboren wurde, ist abhanden gekommen. Nicht nur den Nachgeborenen, sondern auch uns Alten ist sie unfassbar geworden. Dass Greise sich schon immer an bessere Zeiten erinnert haben, ist kein triftiger Grund für uns, die wir vor den Regimen von Stalin, Roosevelt, Hitler und Franco da waren, diesen durchlebten Abschied zu vergessen. Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich für immer vergreist bin. Ich kann die schwarzen Märzwolken in der Abendsonne nicht vergessen, und den Weinberg auf der Sommerheide zwischen Plötzleinsdorf und Salmannsdorf bei Wien, zwei Tage vor dem Anschluss. Bis zu jener Stunde war es mir eine Selbst-verständlichkeit gewesen, einmal dem alten Turm auf der dalmatinischen Insel Kinder zu zeugen. Seit jenem einsamen Spaziergang schien es mir unmöglich. Die Ausbettung des Körpers aus dem Gewebe der Geschichte habe ich damals als Zwölfjähriger erlebt, noch bevor von Berlin der Befehl ausging, im ganzen Reich die Narren zu vergasen.

Von diesem Umbruch im Erleben von Welt und Tod miteinander zu sprechen, ist ein Privileg der Generation, die das Vorher kannte. Helmut, ich glaube an einen zu schreiben, der davon was weiss. Das Schicksal hat mich sehr jung zum Kollegen, Beirat und Freund von Frauen und von Männern gemacht, die um Jahrzehnte älter waren. So habe ich gelernt, mich von Menschen erbauen und bilden zu lassen, die zu alt waren, um jenes Erlebnis der Entkörperung mitmachen zu können. Andererseits sind unsere Schüler allesamt Kinder der Epoche nach Guernica, Leipzig, Belsen und Los Alamos. Genozid und Genomprojekt; Waldsterben und Hydroponik; Herztausch und versichertes Medizid sind gleichmässig geschmacklos, geruchlos, unfassbar und un-weltlich. Die Adventsfeier um die Erlanger Leiche zelebriert die Bodenlosigkeit des weltlosen Unmenschen. Wir, die wir gerade alt genug sind, und jung genug, um das Ende der Natur, der den Sinnen entsprechenden Welt, erlebt zu haben, sollten, wie kaum andere, sterben können.

Gewesenes kann verwesen. Vergangenes kann erinnert werden. Paul Celan wusste, dass vom Weltschwund, den wir erlebt haben, nur Rauch bleibt. Erst der virtual drive meines Computers hat mir das Wahrzeichen für jenes „auf immer Weg- Gehens“ geschaffen, durch das sich der Verlust von Welt und Fleisch vorstellen lässt. Das Welthafte an der Welt liegt nicht wie Trümmer in tieferen Schichten des Bodens. Es ist weg, wie eine gelöschte Zeile im RAM-drive.

Deshalb können wir, die Siebzigjährigen, einzigartige Zeugen sein, nicht nur für Namen, sondern für Wahrnehmungen, die keiner mehr kennt. Viele, die im Bruch gestanden, sind aber an ihm zerbrochen. Ich kenne welche, die selbst den Faden zerrissen zum Dasein vor der Atombombe und Auschwitz und AIDS. Sie sind tief im Herzen, und mitten im Leben schon, zu vijejos verdes geworden, zu alten Grünen, die so tun, als könnte es Väter geben in dem zur machbaren Show gewordenen „System“. Was im Dritten Reich noch Propaganda war, die durch Gerücht unterlaufen werden konnte, wird jetzt verkauft: als Menü mit dem Programm des Computers oder der Versicherung; als Beratung für Studium, Trauerarbeit oder Krebsbehandlung; als Gruppentherapie der Betroffenen. Wir Alten gehören zur Generation der Pioniere dieses Un-Sinnes. Wir sind die letzten der Generation, durch die das Entwicklungs-, Kommunikations- und Dienstleistungswesen zum weltweiten Bedürfnis geworden ist. Die weltentfremdete Entsinnlichung und programmierte Hilflosigkeit, die wir propagiert haben, stellt den Abfall der in unserer Generation im Himmel und auf Erden, in Grundwasser und Stratosphäre, abgelagert wurde, in den Schatten.

Wir waren in den Schlüsselposten, als das Fernsehen den Alltag entrückte. Ich selbst habe mich dafür geschlagen, dass regensicher, auf jedem Dorfplatz von Puerto Rico, der Universitäts-Sender strahlen musste. Ich wusste damals noch nicht, wie sehr damit die Reichweite der Sinne schrumpfen musste, und der Horizont mit verwalteten Darstellungsmöbeln verrammelt würde. Ich dachte nicht daran, dass bald das europäische Wetter aus der Abendschau schon den ersten Morgenblick durchs Fenster einfärben würde. Mit unfassbaren Dingen, wie einer Milliarde Menschen als Säulendiagramm, bin ich Jahrzehnte unzüchtig umgegangen. Seit Januar kommt nun mein Kontoauszug von Chase Manhatten mit einer Säulengraphik dekoriert: Sie erlaubt mit einem Blick meine Ausgaben für Kneipen und für Büromaterial zu vergleichen. Durch Hunderte von kleinsten Informations-, Verwaltungs- und Beratungsleistungen, die sich mir anbiedern, wird mir meine conditio humana interpretiert. So smooth and slick habe ich mir den Einbau des Erziehungsvorhabens in den lebenslangen Alltag nicht vorstellen können, als ich mit Dir, Helmut, vor mehr als zwanzig Jahren von diesem Thema sprach.

Immer tiefer sinkt die sinnliche Wirklichkeit unter die Folien von Seh-, Hör- und Schmeck-Befehlen. Die Erziehung zum unwirklichen Machwerk beginnt mit den Lehrbüchern, deren Text auf Legenden zu Graphik-Kästen zusammengeschrumpft ist, und endet mit dem Sich-Festhalten des Sterbenden an ermunternden Test- Resultaten über seinen Zustand. Erregende, seelisch besetzende Abstrakta haben sich wie plastische Polsterüberzüge auf die Wahrnehmung von Welt und Selbst gelegt. Ich merke es, wenn ich zu jungen Leuten über die Auferstehung vom Tode spreche: Ihre Schwierigkeit besteht nicht an einem Mangel an Vertrauen, sondern an der Entkörperung ihrer Wahrnehmung, ihr Leben in konstanter Ablenkung vom Fleisch.

Du und ich bereiten uns vor, in einer dem Tode feindlichen Welt nicht mehr „zu Tode zu kommen“, sondern intransitiv zu sterben. Lass uns zu Deinem siebzigsten Geburtstag die Freundschaft feiern, in der wir Gott für die sinnhafte Wirklichkeit der Welt, durch unseren Abschied von ihr loben sollen.

 

(Dieser Text wurde veröffentlicht in: “Freitag“, Nr. 51, vom 13. Dezember 2002)